Gender ist für gewisse kirchliche Kreise und darüber hinaus ein Reizwort. Unter dem Vorwurf des „Genderismus“ wehren sie sich gegen Gender, Gender Mainstreaming und Gender Studies.

Die sieben häufigsten Behauptungen der Gegner_innen und weshalb sie damit falsch liegen:

 

1. Behauptung:
Es gehört zur menschlichen Natur, dass es zwei Geschlechter gibt. Das belegen Studien und sagt unser gesunder Menschenverstand.

 
Das ist ein weitverbreitetes Alltagsverständnis. Aber Alltagsverständnisse widerspiegeln die vorherrschende Weltanschauung und können falsch sein. Das zeigt die Geschichte. Lange Zeit hielt die grosse Mehrheit die Erde für einen flachen Teller. Wer hingegen die Sonne als Mittelpunkt des Universums betrachtete, wurde für diese Überzeugung verfolgt. Hinsichtlich des Geschlechts wissen wir heute, dass es viele Menschen gibt, die weder eindeutig weiblich noch eindeutig männlich sind. Ein Beispiel dafür ist die Läuferin Caster Semenya. Es gibt nicht nur zwei eindeutig bestimmbare Geschlechter, sondern die beiden Pole Mann – Frau und dazwischen eine Bandbreite von Ausprägungen und dazwischen eine Bandbreite von Ausprägungen. Beispielsweise Menschen mit intersexuellen Merkmalen, also mit genetischen, hormonellen oder anatomischen Merkmalen, die nicht eindeutig als männlich oder weiblich zugeordnet werden können, oder Menschen, die in ihrer Geschlechtsidentität nicht mit einer der zwei Kategorien übereinstimmen.
 

2. Behauptung:
Gender Mainstreaming hat zum Ziel, dass wir alle unser Geschlecht wählen können.

Das ist eine haltlose Behauptung, die zudem die Schweizer Bundesverfassung nicht ernst nimmt. Denn das Ziel von Gender Mainstreaming deckt sich mit Artikel 8, Ziffer 3 der Bundesverfassung: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.“ Gender Mainstreaming ist eine Strategie der EU mit dem Ziel, die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen zu erreichen und jede Form der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu beseitigen. Der Name erklärt bereits das Vorgehen: Geschlecht soll als Analyse-Kategorie in den Hauptstrom („Mainstream“) der Politik gebracht werden. Konkret bedeutet dies, dass bei jeder staatlichen Massnahme (z. B. Gesetz, Projekt, Programm) die geschlechtsspezifischen Folgen abgeschätzt und bewertet werden sollen. Wenn ein Nachteil für ein Geschlecht festgestellt wird, dann müssen Gegenmassnahmen ergriffen werden.
Zwei Beispiele für Gender Mainstreaming:
  • Spezifische Tage für Gender (Zukunftstag): Programme werden gefördert, die Mädchen
    und Buben einen Einblick am elterlichen Arbeitsplatz ermöglichen.
  • Wer nutzt den Nahverkehr in der Region?
 

Analyse aus Niederösterreich:

Mehr Männer, da die Buslinien vorwiegend die Wohnquartiere mit den Bahnhöfen verbinden. Wer Kinder betreut, braucht Verbindungen zum Krippenplatz und zu Lebensmittelgeschäften. Fazit: Es braucht Buslinien, welche die Wohnquartiere mit den Arbeitsstellen und mit den Krippenplätzen und den Lebensmittelgeschäften verbinden.

Auch in den viel gescholtenen Gender Studies wird nicht gesagt, dass das Geschlecht frei wählbar sei, sondern dass unsere Gesellschaft einen sehr grossen Einfluss hat auf das, was wir als männlich beziehungsweise als weiblich definieren.

 

3. Behauptung:
Wer von Gender spricht, stellt Gottes Schöpfungsplan in Frage, da Gott die Menschen als Mann und Frau geschaffen hat.

 
Nach jüdisch-christlichem Verständnis hat Gott die ganze Welt erschaffen – die belebte und unbelebte Natur. Bei der Erzählung über die Erschaffung des Tierreichs wird allumfassend von den Tieren des Himmels, des Wassers und der Erde gesprochen. Das ist bei der Erschaffung des Menschen ähnlich zu verstehen. Gott hat die Menschheit geschaffen, mit den Polen männlich – weiblich. Viele Menschen glauben, dass Frauen und Männer vom Wesen her verschieden sind. Aus dieser Perspektive verstehen sie die Schöpfungsgeschichte so, als habe Gott einen Urmann und eine Urfrau geschaffen, mit spezifischem Wesen, spezifischen Rollen und heterosexuell aufeinander bezogen. Weil diese Art zu denken immer noch sehr verbreitet ist, erscheint das als „natürlich“. Der Text in Genesis 1 sagt davon aber nichts und legt keine Geschlechterrollen fest. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass alle Ausprägungen des Menschseins (z. B. homosexuelle Neigung oder Menschen mit intersexuellen Merkmalen) auch als gute Schöpfung Gottes zu begreifen sind.
 

4. Behauptung:
„Gender“ ist eine Ideologie mit einer bestimmten politischen Absicht.

Ja, Gender Mainstreaming und Gender Studies haben eine Absicht: die Gleichstellung der Geschlechter und eine geschlechtergerechte Gesellschaft. Der Vorwurf der Ideologie trifft vielmehr auf die Gegner_innen von „Gender“ zu, die dazu den Begriff „Genderismus“ erfunden haben. Die Gegner_innen wollen nicht über „Gender“ sprechen und zementieren so spezifische Geschlechterrollen. Diese Politik führt zur Ungleichbehandlung der Geschlechter und zu leidvollen Zwängen für Männer und Frauen, Buben und Mädchen. Für Frauen ist dieser Verzicht auf Gespräche über Gender riskant, weil die Lebensgestaltung, die Berufswahl und auch die Rentensicherheit wesentlich vom Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit und Genderrollen abhängen.

5. Behauptung:
Die Vertreterinnen und Vertreter von Gender haben zum Ziel, Ehe und Familie zu zerstören.

 
Wer das behauptet, hat von Gender nichts verstanden. Denn Genderforscher_innen forschen zur Frage, wie Geschlechterrollen erlernt werden. Dies nützt allen: So wissen wir heute, dass nicht alle männlichen Menschen per Geburt kämpferisch sind, sondern dass dies erlernt wird. Diese Einsicht nimmt Druck von all den Männern, die täglich versuchen, kämpferisch zu wirken. Solche Erkenntnisse ermöglichen Frauen wie Männern, mehr ihrem individuellen Wesen zu entsprechen, als zu versuchen, vorgegebene Rollen zu erfüllen. Dadurch können wir alle mehr so sein, wie wir sind, und nicht so, wie wir als Gesellschaft uns vorstellen, dass Frauen bzw. Männer sein sollten. Was den Vorwurf der Zerstörung von Ehe und Familie anbelangt: Geschlechterrollen haben sich über die Zeit hinweg immer wieder verändert. Dass ein solcher Wandel auch heute passiert, ist nicht das Werk der Vertreter_innen von Gender Studies, sondern hat mit der besseren Bildung von Frauen sowie der modernen Gesellschaft und Arbeitswelt zu tun. Statt das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen, sollten die Gegner_innen Antworten suchen, wie unter diesen veränderten Bedingungen Lebensgemeinschaften mit Kindern gute Bedingungen zum Gedeihen erhalten. Allein schon die hohen Scheidungszahlen belegen, dass das traditionelle Ehe- und Familienmodell für ganz viele Menschen nicht mehr taugt und daher nicht die einzige Antwort sein kann.
 

6. Behauptung:
Unter dem Deckmantel von Gender Mainstreaming betreiben die Vertreterinnen und Vertreter von Gender eine Sexualisierung unserer Kinder.

Gender Mainstreaming hat nichts mit Sexualkundeunterricht zu tun. Und dieser führt nicht zu einer Sexualisierung der Kinder, wie unterstellt wird, sondern ist einerseits eine Reaktion auf unsere sexualisierte Gesellschaft und andererseits eine Massnahme zum Schutz der Kinder gegen sexualisierte Gewalt. In der Werbung, am Fernsehen und vor allem im Internet werden die Kinder schon früh mit sexuellen Darstellungen und Inhalten konfrontiert. Oft verstehen sie diese nicht und sind überfordert. Zudem zeigen Studien zur sexualisierten Gewalt gegenüber Kindern, dass diese Form der Gewalt leider nach wie vor verbreitet ist. Um Kinder damit nicht alleine zu lassen und sie zu stärken, gilt es daher, die Kinder in geeigneter Weise aufzuklären.

7. Behauptung:
Gender Studies sind unwissenschaftlich.

 
In den Gender Studies arbeiten Forscher_innen verschiedenster Richtungen. Daher werden verschiedene Forschungsmethoden angewendet, u.a. aus der Soziologie, der Philosophie, der Ethnologie und der Biologie. Dies stärkt die Erkenntnisse eines Forschungsfeldes und ist daher ein Vorteil der Gender Studies. Menschen, die Gender Studies als unwissenschaftlich bezeichnen, gehen von der Annahme aus, dass Ergebnisse nur dann wissenschaftlich seien, wenn die Wissenschafter_innen interessenlos und objektiv sind. Dies verkennt aber, dass bei jeder Forschung bereits die Idee, was erforscht werden soll, interessengeleitet ist. Oft werden von Vertreter_innen dieses Arguments der Alltagsverstand, die Religionen und die Naturwissenschaften als objektiv empfunden. Das trifft jedoch auf keinen der drei Bereiche zu: Alle drei werden von aktuellen Werten und Überzeugungen der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt. Interesse an bestimmten Ergebnissen zu haben, bedeutet also nicht, dass ein solcher Forschungsansatz unwissenschaftlich ist.
 

 
 

Zum Schluss

Genderwissen und Genderbewusstsein tragen dazu bei,

  • die eigene Geschlechterprägung zu reflektieren,
  • geschlechterstereotype Denk-und Handlungsweisen zu erkennen und zu vermeiden,
  • aufs Geschlecht bezogene Strukturen wahrzunehmen und zu verändern,
  • geschlechtsspezifischer Benachteiligung entgegenzuwirken. 
 

In der menschlichen Vielfalt sind wir Gottes Ebenbild und Teil der Schöpfung. Diese Vielfalt gilt es als gesellschaftliche Bereicherung und Voraussetzung für ein Leben in Freiheit wertzuschätzen.