Androzentrismus

Weltanschauung und Sichtweise, in der das Männliche bzw. der Mann im Zentrum steht, Massstab und Norm ist. Ein Beispiel: In vielen Sprachen wird das gleiche Wort für „Mann“ und „Mensch“ verwendet (l’homme, man).

 

Care-Arbeit

Überbegriff für alle bezahlten oder unbezahlten Betreuungs-, Pflege- oder Versorgungstätigkeiten (engl. to care = pflegen, sorgen, sich kümmern). Vier Fünftel der Care-Arbeit wird unbezahlt geleistet. Care, Fürsorgearbeit, ist die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens, da alle Menschen fürsorgeabhängig sind. Care ist deshalb kein „Frauenthema“, auch wenn Care-Arbeit aktuell mehrheitlich an Frauen, sehr oft an Migrantinnen (Care-Migration), delegiert wird.

 

Chancengleichheit

Recht auf gleichen Zugang zu Lebenschancen. Dazu gehört insbesondere das Verbot von Diskriminierung.

 

Diskriminierung

Gruppenspezifische Benachteiligung, Ungleichbehandlung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen. Diskriminierung kann unter anderem aufgrund von Geschlecht, Rasse, Ethnie, Religion, Kultur, sozialer Herkunft, sexueller Orientierung, körperlichem Erscheinungsbild und Alter erfolgen.

 

Farbcodes

Im 20. Jahrhundert war Pink die Bubenfarbe, Blau die Mädchenfarbe. Pink galt als entschlossenere und stärkere Farbe, die Buben eher entspricht, Blau als zarter und eleganter für Mädchen. Heute ist es umgekehrt: Rosa und Pink gelten als Mädchenfarben, Blau als Bubenfarbe. Weiss ist die Farbe, die in allen Weltreligionen eine wichtige Rolle spielt. Zu den lebensbegleitenden Festen im Christentum wie Taufe und (katholisch) Erstkommunion wird weiss getragen, als Farbe des Anfangs und Neubeginns. Im Buddhismus und im Judentum ist Weiss unter anderem die Farbe der Trauer, im Islam und im Hinduismus die Farbe der Reinheit. Die weisse Kleidung macht deutlich, dass in den wichtigen Phasen des Lebens nicht nach Geschlechtern unterschieden wird.

 

Feminismus

Politische und akademische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt. Zudem strebt der Feminismus einen grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie der sozialen und symbolischen Ordnung (kulturell-religiöse Vorstellungswelt) und der Geschlechterverhältnisse an. Feminismus umfasst verschiedene Strömungen, in Europa u. a. einen Gleichheitsfeminismus und einen Differenzfeminismus.

 

Gleichheitsfeminismus

Der Gleichheitsfeminismus geht von einer grundsätzlichen Gleichheit der Geschlechter aus und begründet die zwischen den Geschlechtern existierenden Unterschiede hauptsächlich mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und der Sozialisation von Frauen und Männern. Sein Ziel ist die Aufhebung sämtlicher geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten und Unterschiede, um so den Menschen zu ermöglichen, nach ihren individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zu leben, statt nach gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen.

 

Differenzfeminismus

Der Differenzfeminismus betont die Verschiedenheit der Geschlechter und geht von Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen aus. Postuliert werden das Ende des Patriarchats und eine neue symbolische Ordnung, in der die Beziehungskultur von Frauen im Zentrum steht und als politischer Akt verstanden wird (affidamento). Dabei wird die Unterschiedlichkeit von Frauen untereinander zum Ausgangspunkt für eine feministische politische Praxis.

 

Gender

Soziales Geschlecht (engl. gender) im Unterschied zum biologischen Geschlecht (engl. sex). Gender ist erlernt, d.h. wird durch Erziehung, Sozialisation, Rollenzuschreibungen und kulturelle Normen erworben und im täglichen Verhalten ständig „hergestellt“ (doing gender). Aufgrund des biologischen Geschlechts werden nämlich bestimmte Erwartungen an Menschen in Bezug auf typisch „männliches“ und typisch „weibliches“ Verhalten oder Aussehen gestellt. Das soziale Geschlecht, die Geschlechterrolle, ist also nicht einfach vollständig von der Biologie vorgegeben, sondern zu einem grossen Teil erworben und daher veränderbar. Biologisches Geschlecht und soziales Geschlecht lassen sich aber auch nicht vollständig trennen, sondern stehen in einem Wechselverhältnis zueinander.

 

Gender Mainstreaming

Politische Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter. Gender Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen und bei jeder Aktion auch die geschlechtsspezifischen Folgen abzuschätzen. Ziel ist die Gleichstellung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen.

 

Gender Pay Gap
(wörtl. Geschlechter-Gehalts-Lücke)

Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Sie gehen direkt auf Diskriminierung zurück. Im internationalen Vergleich der Lohngleichheit steht die Schweiz schlecht da und belegt einen der hinteren Ränge.

 

Gender Studies (Genderforschung)

Untersuchen das Geschlecht als soziale Konstruktion und gesellschaftliches Strukturprinzip: Was bedeutet es, dass sich eine Gesellschaft über das Geschlecht organisiert, dass Geschlecht als sozialer Platzanweiser funktioniert und soziale Hierarchien geschlechtlich strukturiert sind?

 

Geschlechtergerechte Sprache

Um die Geschlechtervielfalt sprachlich zu berücksichtigen, sind in der deutschen Sprache bereits viele Massnahmen verankert: z. B. das Binnen-I (PfarrerInnen), die abwechselnde Nennung von weiblichen und männlichen Pluralformen als Sammelbegriffe (z. B. Ärztinnen und Krankenpfleger), der Unterstrich _, der Geschlechtervielfalt als Spektrum darstellt. In etlichen Schweizer Medien und Institutionen gehört eine gewisse Sensibilität für geschlechtergerechte Sprache mittlerweile zum Standard.

 

Gleichstellung von Frau und Mann

Seit 1981 enthält die Schweizerische Bundesverfassung eine Bestimmung zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Das Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann (GlG) konkretisiert den Verfassungsauftrag zur rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung im Erwerbsleben und trat am 1. Juli 1996 in Kraft. Seit 2000 ist nicht nur die rechtliche, sondern auch die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann in Art. 8 Abs. 3 der Bundesverfassung explizit verankert. Das GlG gilt für alle Bereiche des Erwerbslebens, von der Anstellung über die Weiterbildung bis zur Kündigung, vom Lohn bis zur Ahndung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Verboten sind sowohl direkte als auch indirekte Diskriminierungen. Die formelle Gleichstellung von Frau und Mann ist heute in der Schweiz zum grössten Teil erreicht. Die tatsächliche Gleichstellung weist allerdings Lücken auf. Vor allem aufgrund von historisch überlieferten Rollenzuweisungen und der Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern kommt es immer wieder zu Diskriminierungen.

 

Intersektionalität

Eine Person oder Gruppe kann aufgrund der Zugehörigkeit zu verschiedenen Kategorien wie Klasse, Ethnie, Geschlecht, Nationalität, sexuelle Orientierung, Alter mehrfach diskriminiert sein. Der politische und wissenschaftliche Ansatz der Intersektionalität beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken solcher Mehrfach-Diskriminierungen und den daraus entstehenden Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnissen. Diese Mehrfach-Diskriminierungen müssen in ihrer Kombination untersucht werden, weil sie nicht als Summe der Diskriminierungen aufgrund einzelner Kategorien wirken, sondern sich eher multiplizieren: Eine schwarze, lesbische, von Armut betroffene Frau erfährt Diskriminierungen auf Grund ihrer Homosexualität anders als eine begüterte, weisse, homosexuelle Frau.

 

Intersexualität

Menschen mit weiblichen und männlichen Körpermerkmalen, die sichtbar und/oder unsichtbar sein können. Einige Varianten von Intersexualität sind bereits bei der Geburt sichtbar, andere werden es erst im Verlauf des Lebens. Viele Menschen mit intersexuellen Merkmalen sowie Fachpersonen empfehlen, keine operativen Angleichungen bei intersexuellen Kindern vorzunehmen, bis sie selbst darüber entscheiden können.

 

Patriarchat (wörtl. Väterherrschaft)

System von sozialen Beziehungen, Werten und Verhaltensmustern, das von Vätern bzw. Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird. In der feministischen Theologie wird unter Patriarchat ein vielschichtiges Herrschaftssystem verstanden und nicht einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. In diesem sozio-kulturellen System haben Männer Macht über andere Männer, Frauen, Söhne und Töchter oder Völker. Im patriarchalen System verbinden sich verschiedene Herrschaftsformen wie Sexismus, Rassismus, Heterosexismus, Neokolonialismus, Naturbeherrschung, ökonomische Ausbeutung, Militarismus. Auch Frauen sind auf vielfältige Weise in dieses System verflochten, halten es mit aufrecht (Mittäterschaft) und sind an der Unterdrückung anderer Frauen (und Männern oder Kindern – beispielsweise mit der Duldung von Kinderarbeit in der Kleidungsindustrie) mitbeteiligt.

 

Sexismus

Auf das Geschlecht (lat. sexus) bezogene Diskriminierung. In patriarchalen Gesellschaften betrifft Sexismus das weibliche Geschlecht und hat einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern zur Folge. Sexismus beinhaltet die Betonung von Unterschieden und Bewertungen (z. B. Männer werden als rational, Frauen als emotional beurteilt), der Glaube an die Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts und eine Unterstützung traditioneller Geschlechterrollen.

 

Sexualisierte Gewalt

Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung und Autonomie. Darunter fallen Straftatbestände wie sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Sexualisierte Gewalt bringt zum Ausdruck, dass es um Machtausübung geht, dass also Gewalt sexualisiert wird. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommt häufig vor. Sexualisierte Gewalt gegen Männer ist sehr stark tabuisiert.

 

Strukturelle Gewalt

Anders als personale Gewalt, die direkt von Menschen ausgeübt wird, geht strukturelle Gewalt nicht von einzelnen Täter_innen aus, sondern ist die Folge von gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen, für die niemand direkt verantwortlich ist: Arbeiterinnen, die unter unmenschlichen Bedingungen Kleider nähen; Frauen, die unter Zwang Sexdienste leisten; Kinder, die Fussbälle herstellen oder auf Kakaofarmen arbeiten; Männer, die unter erbärmlichen Bedingungen in Minen arbeiten, um seltene Erden für Handys zu gewinnen.

 

Transgender
(auch Transmenschen oder Trans*)

Bei Transmenschen stimmt die Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen biologischen Geschlecht überein. Als Transfrau wird ein Mensch bezeichnet, der mit einem biologisch männlichen Körper geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert. Ein Transmann wurde in einem biologisch weiblichen Körper geboren, identifiziert sich aber als Mann. Transgender bezeichnet auch Menschen, die sich nicht ausschliesslich als Mann oder Frau fühlen. Transgender ist begrifflich von Intersexualität oder sexueller Orientierung (Heterosexualität/Homosexualität/Bisexualität) zu unterscheiden. (Der Begriff Transsexualität wird von vielen Fachleuten und Betroffenen nicht verwendet, weil es bei Transmenschen eben um „Gender“ und nicht um „Sexualität“ geht.)

 

Victim blaming
(wörtl. das Opfer beschuldigen)

Erklärungs- und Deutungsmuster für sexualisierte Gewalt, das die Schuld für die Tat beim Opfer sucht. Beispielsweise soll unpassende Kleidung, Verhalten, Alkoholgenuss an der erlittenen Gewalt „schuld“ sein. Dieses Muster kann Opfer sexualisierter Gewalt, aber auch rassistischer und antisemitischer Gewalt treffen und sich intersektional verstärken. Victim blaming ist zu verurteilen, da dadurch nicht die Täter_innen belangt werden und strukturelle Gewalt weiterhin verharmlost wird.